Donnerstag, 12. Februar 2009 1:47
Da sitzen Sie nun also und verkünden die akademische Weisheit zum Thema Lernen mittels moderner Medien. Man ist beeindruckt angesichts der versammelten und sicher gern unter Beweis gestellten eTeaching-Kompetenz. Und nicht nur das, man lauscht ehrfurchtsvoll den Ausführungen zum Thema Medienkompetenz … doch halt, jetzt mal ganz ehrlich:
Da sitzt also jemand, der uns volltextet und als visuelle Unterstützung Folien präsentiert, die es selbst unter entspanntesten Bedingungen eines frisch gegründeten offenen Kanals nicht auf den Äther geschafft hätten. Lieblos, ohne jedes erkennbare Können und offenbar auch ohne wirkliches Verständnis für Qualität beim Einsatz von Medien, hangelt sich der Referent durch seine Folien und vermittelt uns dabei nichts als den Eindruck, er würde uns mitnehmen auf seine allererste, unbeholfene Reise in die Welt von Powerpoint.
Entschuldigen Sie … mir kommt das vor, wie diese wilden, wackeligen Kameraschwenks und -zooms, die Onkel Hubert mit beeindruckenden Effekten versehen seiner Verwandtschaft nach dem Malle-Urlaub vorführt. Keiner mag sie sehen, aber man möchte ja höflich sein.
Und Sie möchten uns mit Ihrem Wissen bzgl. Medienkompetenz beglücken? Welche Medienkompetenz denn? Da helfen keine noch so blumenreichen Fachbegriff-Attacken. Neben der technischen Qualität ist auch die grafische, produktionelle Qualität ausschlaggebend für den Erfolg von Medien in der Lehre. Die Vorstellung, dass Ihr Kopf die Arbeit tut und dass die audiovisuelle Bühne auf der Sie präsentieren eher zweitrangig ist und nicht der selben Sorgfalt und Kreativität bedarf wie Ihre fein justierten Worthülsen … erschreckend. Das nennen Sie Expertise in genau dem Fachgebiet, das Sie selbst zeitgleich als nicht das Ihre unter Beweis stellen?
1. Warum sind uns manche Moderatoren im TV lieber als andere?
Möglicherweise reagieren wir alle auf die Form der Präsentation, auf die Sprache? Vielleicht spüren wir uns bei einem Moderator mehr durch seine Ausstrahlung angesprochen? Ist das nicht im Radio, im Film, im Theater und selbst in der Musik von ausschlaggebender Bedeutung dafür, wie überzeugend der Akteur oder Interpret auf uns wirkt? Glauben Sie, dass das bei der Produktion und beim Einsatz von eLearning Medien anders ist oder sein darf?
2. Die derzeitigen Bemühungen bzgl. eLearning zielen auf Spareffekte.
Man gewinnt leicht den Eindruck, dass eLearning bzw. eTeaching als adäquate Lösung für Einsparungen gesehen wird. Wir brauchen Lösungen, in denen schnell Inhalte erstellt und publiziert werden können. Wir brauchen Lösungen, die wenig Kosten verursachen. Ja hurra, Sie haben soeben “eSparing” erfunden! Interessanterweise ist es aber kostengünstiger, einmal mit mehr Aufwand etwas Hochwertigeres zu schaffen, als zigmal etwas Billigeres von kurzer Nutzdauer. Kosteneffizienz errechnet sich eben nicht nur durch kurzfristige Einsparung, sondern durch Kosten unter Berücksichtugung von Nutzwert und möglicher Nutzungsdauer. Ist Ihnen schonmal aufgefallen, dass Sie von einem hochwertig verarbeiteten Produkt länger etwas haben, als von einem Produkt, das alleine auf “billig” abzielt? Ich könnte Ihnen viele Beispiele nennen, aber ich bin sicher, Sie finden selbst genügend Belege für diese These.
Fangen Sie bitte an, Qualität zu produzieren. Die Qualität wird sich langfristig bezahlt machen, sowohl was den gewünschten Lerneffekt angeht, als auch bzgl. der Akzeptanz, der zu erwartenden Nutzungsdauer und möglichen Verwertung. Hmm, was für eine Verwertung denn? Haben Sie ein hochwertiges Produkt, dann können Sie es deutlich leichter weiterveräußern. Haben Sie aber nur billig billig produziert, dann wird sich niemand finden, der Interesse an Ihrem suboptimalen Produkt entwickelt.
Lerninhalte müssen nicht zigmal produziert werden. Einmal richtig reicht. Schluss mit “eSparing”.
3. Zeitersparnis
Um welche Zeitersparnis geht es hier eigentlich? Um die des Lehrenden? Oder um die des Lernenden? Hier sollte doch Konsens sein, dass Lehre dem Lernenden zu dienen hat. Und je schneller der Lernende die vermittelten Inhalte annimmt und versteht, desto mehr Zeit haben wir gespart. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man aber numal mehr Zeit in die Erstellung und Ausgestaltung der Inhalte investieren. Ein Aufwand, der sich lohnt. Es kann nicht Sinn der Übung sein, einem Autor Zeit zu sparen, während andererseits langfristig hunderte oder gar tausende Lernende dann mehr Zeit benötigen um den Stoff aufzunehmen. Hier scheint die Perspektive mancher Beteiligter deutlich verschoben zu sein.
4. Medienkompetenz
Es ist durchaus denkbar, dass der Lehrende soviel Medienkompetenz entwickelt, dass er beurteilen kann, welche Medien für welches Lernziel eingesetzt werden können. Aber da endet die erzielbare Medienkompetenz auch schon. Sie werden aus einem Lehrkörper keinen Grafiker, Kameramann, Toningenieur, Cutter, Webdesigner, Programmierer usw. machen. An diesem Punkt ist Scheitern vorprogrammiert. Wenn ich ein neues Dach brauche, dann reicht die Kenntnis der Begriffe “Holzbalken” und “Dachpfanne” einfach nicht aus, um ein stabiles Dach selbst zu bauen. Da holt man sich Fachleute, die das schnell und professionell machen.
Bitte verschonen Sie uns vor selbstgemachten Fotos, Videos, Grafiken. Sie können es nicht. Akzeptieren Sie das einfach. Sie mögen das Ergebnis der Arbeit anderer beurteilen können, aber sie können es nicht selbst machen. Der tolle Begriff Medienkompetenz ermächtigt Sie nicht zum Alleskönner und Allesmacher. Je eher Sie das verinnerlichen, desto eher tun Sie Ihren Adressaten einen Gefallen.
5. Motivation? Wozu das denn?
Haben Sie schonmal bei einem Vortrag, einer Rede, einer Diskussion, einer Veranstaltung die Kontrolle über Ihre Augenlider verloren? Sind Sie schonmal vor Langeweile fast gestorben, ohne die Möglichkeit zu entkommen? Haben Sie eine Vorstellung, wievielen Ihrer Mitmenschen das mit Ihnen auch schon passiert ist? Warum sollen wir das unseren Mitmenschen bewusst und vorsätzlich antun? Gibt es da nachvollziehbare Gründe? Nein.
Aber es gibt sehr wohl die Möglichkeit, seine Mitmenschen in den Bann zu ziehen, sie von einem Thema zu begeistern, sie mitzunehmen auf eine spannende und möglicherweise auch unterhaltsame Reise in ein Thema. Worauf will ich raus? Nun, es gibt Menschen, die einen fesseln können, die einen Raum ausfüllen durch ihre pure Anwesenheit oder ein paar wenige Worte. Nicht jeder hat die Gabe sein Umfeld zu fesseln. Und bitte glauben Sie mir, wenn ich sage: “Sie gehören auch nicht dazu!”
Es gibt aber eine Vielzahl von Menschen, die durch ihre Arbeit dazu beitragen, Interesse für Themen zu wecken oder aus Geschichten beeindruckende Bilder zu machen. Sie kennen solche Menschen, ich bin mir sicher. Menschen denen man gerne und lange zuhört, die nicht nur etwas reden, sondern auch etwas sagen, auf spannende Art. Die Chance von eLearning ist doch, genau diese Möglichkeiten einzusetzen. Der Student ist nicht mehr abhängig von den zweifelhaften didaktischen und rhetorischen Fähigkeiten dessen, der vor ihnen steht. Es mag sie evtl. erschüttern, aber es gibt sogar Wissenschaftler mit geradezu erschreckendem Geschick bzgl. Motivation. Sagt Ihnen Prof. Dr. Harald Lesch etwas? Sie sollten mal nach ihm bei Youtube suchen. Er ist ein Phänomen.
Schade, dass nicht an jeder Schule und Hochschule Lehrende mit solchen Fähigkeiten arbeiten. Aber hey. Wir haben doch eLearning erfunden, um z.B. diese Guten einzuspannen und Wissen für mehr als nur die paar Studenten oder Schüler eines Jahrganges einer Schule oder Uni zu vermitteln. Vielleicht ist an Ihrer Institution ein besonders begabter Lehrender in einem anderen Fachgebiet beschäftigt?
Fakt ist aber, dass man Wissen ganz hervorragend und geradezu leicht dann vermitteln kann, wenn man es so vermittelt, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als “dranzubleiben”.
Fazit:
Das ist Ihnen alles viel zu viel Arbeit? Sie wollen sich gar keine Mühe geben, Wissen “ordentlich” zu vermitteln? Hier ist die Lösung: Suchen Sie sich andere Arbeit und überlassen Sie das Gebiet denen, die das gern und gut machen!
Herzlichen Glückwunsch, meine Damen und Herren, Sie haben sich durch diesen Text geschafft und hoffentlich Spuren von Erkenntnis gewonnen. Legen Sie mal Ihre schlauen theoretischen Werke beiseite und widmen Sie sich mal ganz praktisch den Themen Medienqualität und Medienmotivation.
Ich hoffe ganz in Ihrem Interesse, dass Sie schnell merken, wie konsequent Sie mit all der Faselei schnurgerade an den tatsächlichen Bedürfnissen und Erfordernissen vorbeipaddeln.
In diesem Sinne freue ich mich schon heute auf Ihren jauchzenden Ruf: “Land in Sicht!”
Und dann, aber wirklich erst dann, freue ich mich wieder über Online Vorlesungen, die dann den gewissen Pepp haben, die mit Liebe auch zur visuellen Präsentation und mit Fokus auf den Empfänger erstellt wurden. Bis dahin jedoch, es sei mir verziehen, sind Sie Experte im Online-Husch-Husch.